Mein Auslandssemester in den USA

28. Mai 2020  Allgemein, Berichte, Tagebuch

Zwischen Oktober 2019 und März 2020 war ich für mein Auslandssemester an der National University in San Diego, USA. In diesem Auslandsbericht gebe ich meine Eindrücke und Erlebnisse wieder.

Über mein Studium

Ich studiere im Bachelorstudiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Furtwangen und bin aktuell im siebten Semester. Im vergangenem Semester war ich in den USA und habe das sechste Semester mit dem Leistungsumfang von 30 ECTS absolviert.

Vorbereitungen an der Hochschule Furtwangen

Mit den Vorbereitungen für das Auslandssemester begann ich im November 2018. Ich belegte einen Englisch C-1 Kurs und reichte meine Bewerbung im International Center meiner Hochschule ein, diese überprüften meine Daten und versendeten sie an die National University (NU). Eine Antwort vonseiten der NU erhielt ich erst im Juli 2019, in der Zwischenzeit kümmerte ich mich um die Finanzierung des Auslandssemesters. Als Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) musste ich Gespräche mit meiner Betreuerin führen und eine schriftliche Begründung einreichen, welchen Vorteil das Auslandssemester für mich haben würde.

Ich habe mich für die USA entschieden, weil ich gerne über meine Grenzen gehe, meinen eigenen Horizont erweitere und Sachen ausprobieren möchte, die ich für unmöglich gehalten hätte. Die USA habe ich mir aufgrund meiner hohen Technikaffinität als Ziel gesetzt und weil ich gerne den Ursprungsort vieler Hightech-Pioniere aus nächster Nähe miterleben wollte. An der National University in San Diego hatte ich die Möglichkeit, mein technisches und businessspezifisches Wissen zu vertiefen und ein anderes Bildungssystem kennenzulernen. Für mein Auslandssemester habe ich mir Kurse ausgesucht, die an der Hochschule Furtwangen nicht angeboten werden, doch in der Wirtschaftsinformatik sind diese Qualifikationen essentiell, daher möchte ich mir dieses Wissen im Auslandssemester aneignen.

Vorbereitungen für die USA

Ab August 2019 begann ich damit, die Dokumente für Homeland Security und mein Visum zu bearbeiten. Das war bei weitem der aufwändigste und nervenaufreibendste Schritt. Spätestens hier wollte ich den gesamten Prozess zu beenden und die Bewerbung sein lassen. Im September 2019 hatte ich mein Termin für das US-Visum. Überraschenderweise war das eigentliche Gespräch sehr kurz, ich wurde nach dem Grund meiner Einreise, die Dauer und die Finanzierung meines Auslandsaufenthaltes gefragt. Nach dem Erhalt meines Visum ließ ich mich von Ärzten durchchecken, impfen und schloss Auslandsversicherungen ab. Ich hatte vor mir eine eigene Wohnung zu mieten, bemerkte aber schnell, dass das nicht möglich wäre, denn in San Diego kostet selbst ein WG-Zimmer über 1.000 $. Für deutsche Verhältnisse war mein Zimmer zwar sehr teuer, doch ich hatte Glück, da meine Vermieterin eine italienische Köchin war und mich regelmäßig bekochte! Die Studiengebühren betrugen 6.300 €, welche von der RLS übernommen wurden.

Einreise in die USA

Geflogen bin ich mit Singapore Airlines und JetBlue. Beim erhalt meiner Bordkarte ist mir das SSSS-Label (Secondary Security Screening Selection) aufgefallen, laut Wikipedia kann der Grund für das Label folgender sein: “Auftauchen des Namens auf Listen von Personen, die als terrorverdächtig gelten. Es kann ausreichen, dass der Name im Zusammenhang zu diesen Personen steht.” – Super dachte ich mir, ein toller Start! Ich wandte mich an die Mitarbeiter von Singapore Airlines, die mir glücklicherweise angeboten haben, das Screening bereits bei ihnen in Frankfurt durchführen lassen, hier würde es nicht länger als eine halbe Stunde dauern und mir würden unangenehme Fragen erspart bleiben.

Ich wurde von einem Sicherheitsbeamten in einen abgetrennten Bereich gebracht und gefragt, weshalb ich in die USA einreisen möchte und ob ich Drogen oder Waffen mit mir mitführe, er testete mein Handgepäck und meine Schuhe auf Spuren von Drogen und schaute sich meine elektronischen Geräte an. Nach dem Test erhielt ich einen Stempel auf meine Bordkarte, den ich in New York aufzeigen sollte, falls mich Sicherheitsbeamte für weitere Screenings stoppen sollten.

Ich war bereits zu diesem Zeitpunkt fix und fertig, doch erst 21 Stunden später kam ich tatsächlich an meinem Ziel an. Ich flog knapp 9 Stunden von Frankfurt nach New York, wo ich nach der Landung über zwei Stunden in der Schlange stand, um von Homeland Security eingelassen zu werden. Ich empfehle jedem, vorher die Toiletten aufzusuchen und Wasserflaschen aufzufüllen! Ich wurde erneut nach dem Grund meiner Einreise gefragt und meine Fingerabdrücke wurden wieder aufgezeichnet. Danach konnte ich von New York nach San Diego weiterreisen.

Erste Eindrücke von San Diego

San Diego ist ein wundervoller Ort, die Sonne scheint ständig, es regnet kaum und die Menschen sind ständig glücklich. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich an die vielen neuen Eindrücke gewöhnte.

Stadtpark in San Diego
National University San Diego

Da mein Orientation Day an der NU erst eine Woche nach meiner Ankunft statt fand, hatte ich genug Zeit, um die Stadt und meine Nachbarschaft zu erkundigen. Ich habe mit einigen Kommilitonen Kontakt geknüpft und bin wenige Tage später mit ihnen nach San Francisco gefahren, um die vorlesungsfreie Zeit zu nutzen. In der Bay-Area habe ich San Francisco, Oakland und das Silicon-Valley besucht. Die Downtown von San Francisco war fürchterlich, überall lagen Obdachlose und Drogenabhängige, sie spritzten sich am helllichten Tag Drogen in die Arme und überall roch es nach menschlichen Exkrementen. Die letzten Tage haben wir im Yosemite National Park verbracht, beim Sonnenuntergang waren wir am “Tunnel View”. Mit dem Flixbus sind wir 13 Stunden lang von San Francisco aus zurück nach San Diego gefahren.

Golden Gate Bridge
Yosemite Nationalpark

Universität und Freizeit

Am 29.10.19 begann meine erste Vorlesung “Introduction to Interpersonal Communication”. Erlernt habe ich Methoden für effektive, zwischenmenschliche Kommunikation, die Nutzung verschiedener Präsentationstechniken und die korrekte Betonung, Aussprache und Nutzung der englischen Sprache. Ich war beeindruckt, wie mitreissend ein Dozent sein kann. Der Dozent war höchst passioniert und gab diese Energie auch an uns weiter. Wöchentlich hatte ich zwei bis drei Mal Vorlesung, die restliche Zeit habe ich zum lernen genutzt und zur Erkundung San Diegos. Im Oktober und Anfang November war es noch sommerlich warm, wodurch ich viel Zeit am Strand verbringen konnte. Ich habe versucht möglichst wenig Zeit mit Deutschen zu verbringen, um mein Englisch zu verbessern und die Kultur der Amerikaner kennenzulernen.

Thanksgiving habe ich mit meiner Gastmutter und ihrer Familie verbracht, es war tatsächlich so, wie man es aus Filmen kennt. Im Dezember begann mein zweiter Kurs, welcher deutlich anspruchsvoller war. In “Foundations of Entrepreneurship” erlernte ich das Unternehmertum mit besonderem Bezug auf die Gründung eines neuen Unternehmens. Ich erstellte einen Marketingplan, Finanzplan, Organisationsplan, diskutierte rechtliche Fragen für den Unternehmer und analysierte Innovation.

Kurdische Gemeinde in Kalifornien

Über die Weihnachtszeit hatte ich zwei Wochen frei, ich habe diese Zeit genutzt, um an einer kurdischen Spendenaktion für Rojava teilzunehmen. Ich war positiv überrascht, wie aktiv die kurdische Community in Kalifornien ist, da ich zuvor nie etwas über sie erfahren habe. Sie standen im engen Kontakt zu Elizabeth Warren und Bernie Sanders und wurden sogar in das Capitol nach Washington eingeladen. Die Kurdish Community of Southern California organisiert regelmäßig öffentlichkeitswirksame Demonstrationen, z.B. am LAX-Flughafen und setzt dabei auf Kooperation mit Armeniern, Griechen, Juden und linken Amerikanern. Wir haben uns ausgetauscht und uns gegenseitig Tipps gegeben, wie wir erfolgreicher unsere Ziele umsetzen können. Obwohl es in Südkalifornien nur wenige zehntausend Kurden gibt, setzen sie ihre Ziele besser um, als die Millionen Kurden in Europa. Kurden haben dort einen deutlich besseren Ruf, die Jugend ist hoch gebildet, die ältere Generation besitzt erfolgreiche Unternehmen und wertvolle Kontakte. Eine Kurdin ist sogar Professorin für Politikwissenschaften an der berühmten UCSD, welche zu den besten Universitäten der USA gehört. Die Weihnachtsferien nutzte ich auch, um Los Angeles zu erkundigen. In kaum einer anderen Stadt habe ich Reichtum und Elend so nah beieinander gesehen, Milliardäre, die mit eigenen Helikoptern über die Stadt fliegen und Obdachlose, die mit Nadeln in den Armen auf der Straße liegen.

Im Kurs “Marketing Fundamentals” erlernte ich moderne Marketingtheorien und musste anhand eines Projektes Marktsegmente und Zielmärkte identifizieren. Ich nutzte Konzepte der Marktforschung an und ermittelte deren Effektivität. Mein zu untersuchendes Unternehmen war Mercedes-Benz USA, da ich laut Dozent als Deutscher besonders gut geeignet dafür war.

Der beste Kurs war “E-Business”. Aufgabe war es, ein erfolgreiches Online-Unternehmen zu gründen. Zuvor musste ein Geschäftsplan erstellt werden, E-Commerce-Servern und -Clients analysiert werden, eine E-Commerce-Infrastruktur eingerichtet und die Sicherheit der E-Commerce-Umgebung garantiert werden. Anschließend habe ich die Webseite online gestellt und den Mehrwert der Seite präsentiert.

Zur Universität bin ich anfänglich mit dem Bus gefahren, da amerikanische Städte flächenmäßig deutlich größer als europäische sind und zudem die öffentlichen Verkehrsmittel – besonders in San Diego eine Zumutung waren, habe ich mir im letzten Monat ein Auto gemietet. Denn Busse die bis zu 40 Minuten Verspätung hatten, waren keine Seltenheit. Auf den Freeways sieht man nur selten Autos, in denen mehr als eine Person sitzt, zudem fahren Amerikaner oft große Trucks mit starken Motoren, dementsprechend viel Smog gab es in den Städten.

Balboa Park in San Diego
Venice Beach – jeden Tag ein spektakulärer Sonnenuntergang

Der letzte Monat

In den letzten Wochen meines Auslandssemesters bereiteten sich die Amerikaner auf die Pre-Elections vor, besonders die Studenten warben passioniert für Bernie. Ich kam mit den Wahlkampfhelfern von Bernie Sanders in Kontakt und half ein wenig mit, ohne mich all zu viel in den Wahlkampf einzumischen, da ich nicht wusste, ob ich dazu berechtigt war oder nicht. Dennoch tauschten wir unsere Kenntnisse und Ideen aus und erklärten einander die Systeme in unseren Heimatländern. Ich habe oft mit Amerikanern über Politik geredet, viele waren überrascht, dass eine Partei wie die AfD, die offen rechts ist, in Deutschland überhaupt erlaubt ist und Zulauf findet. Obwohl selbst die Progressivsten angst vor Kommunisten hatten, hörten sie neugierig zu, wofür DIE LINKE steht und wieso diese Partei wichtig für Deutschland ist. In meiner letzten Woche half ich meiner Gastmutter dabei, ihr Haus zu streichen, da sie bereits über 70 Jahre alt ist und ich eine gute Zeit mit ihr hatte. Am vorletzten Tag bin ich nach New York geflogen, habe dort einen Abend verbracht und bin am nächsten Tag weiter nach Frankfurt geflogen. Nur drei Tage später hat Trump den Flugverkehr aufgrund von Corona blockiert.

UN Gebäude in New York

Rückkehr

Das Auslandssemester hat mich im Leben weitergebracht, ich bin deutlich selbständiger geworden, habe viele neue Freunde gefunden, ein wenig mehr von der Welt gesehen und in einem Semester fast mehr praktisches Wissen erlangt als in drei Jahren Uni in Deutschland.

Das alles hätte ich aber nicht alleine hinbekommen. Ermöglicht wurde mir mein Auslandssemester von den großartigen Menschen aus meinem Umfeld. Meine Eltern haben mich dazu ermutigt weiterzumachen und an meinen Traum zu glauben. Ohne die finanzielle Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung wäre all das nur ein Traum geblieben. Der OV Kehl und insbesondere Esther und Paul haben mir sehr viel geholfen, dafür werde ich euch für immer dankbar sein!

Can Colak.